Ich bin Jahrgang 1943, in Görlitz geboren und dort aufgewachsen. Erst mit meinem Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam musste ich mich allmählich von meiner Heimatstadt lösen; und als Lehrer kam ich ab 1965 nach Laubusch (Kreis Hoyerswerda).
Wer aber in Görlitz geboren wird, bleibt ein Leben lang Görlitzer. Diese Stadt ist so einmalig, dass man nie von ihr loskommt. Sie ist groß genug, um weltoffen und großstädtisch zu sein. Sie ist aber auch klein genug, um jeden Winkel der Stadt, jede Straße, jeden Platz zu kennen. Und sie ist so unverwechselbar gebaut, dass man – wohin man auch reist – immer wieder vergleichend feststellen muss:
- Die Krakauer Barbakane am Florianstor ist fast so schön wie der Görlitzer Kaisertrutz,
- das einstige Berliner Kaufhaus Wertheim soll so schön gewesen sein wie das letzte deutsche, noch heute erhaltene Jugendstilkaufhaus in Görlitz,
- das Heilige Grab in Görlitz von 1504 ist heute authentischer als sein einstiges Vorbild in Jerusalem.
- Und wer will sich mit solchen Görlitzer Schönheiten wie dem einmaligen Reichenbacher Turm vergleichen,
- mit der auf steilem Felsen aufragenden Peterskirche
- oder mit der berühmten Görlitzer Rathaustreppe?
- Allerspätestens in einer der Gewölbekeller-Gaststätten in der Altstadt stellt man beim guten Görlitzer Landskron-Bier fest: Das gibt’s nur einmal!
- Kurzum: Wir Görlitzer sind und bleiben unbekehrbare Lokalpatrioten.
Mein Leben hatte immer mit jungen Leuten zu tun, zum Beispiel als Lehrer in Laubusch. Kein Wunder also, dass ich beim Kinderfernsehen der DDR landete, dessen Chefredakteur ich schließlich wurde. Mit Sandmännchen, Pittiplatsch, Fuchs und Elster, Clown Hoppla, mit dem Märchenland, dem Spielhaus und vielen anderen Freunden der Kleinsten hatte auch ich meine Freude.
Nebenbei ergab sich in Gera, der Stadt, die alle zwei Jahre das Kinderfilmfestival „Goldener Spatz“ ausrichtet, die Gelegenheit, zu Weihnachten und in den Sommerferien Programme für Kinder aufzuführen. Insgesamt über zehn verschiedene Stücke liefen im großen Saal des Hauses der Kultur. Viele lokale Kinder- und Jugendgruppen – vom Kinderchor über eine Tanzgruppe oder einen Kinder-Gesellschaftstanzkreis bis zur Sportwerbegruppe der IG Wismut – freuten sich, auf der „großen Bühne“ mitwirken zu dürfen. Also schrieb ich Kindermusicals, die diese Volkskunstgruppen mit ihren Möglichkeiten einbezogen. „Weihnachten im wilden Westen“, „Vorsicht – Weihnachtsteufel!“ oder „Biete Tochter – suche König“ lauteten einige der Titel.
Mit dem Bei-TRITT der DDR zur Bundesrepublik begannen auch für mich aufregende Zeiten. Im letzten Jahr des Deutschen Fernsehfunks 1991 (danach mussten wir gemäß Beitrittsvertrag ja abschalten) leitete ich das werktägliche „Mittagsjournal“ des DFF und die Samstagsreihe „Land und Leute“, in der Menschen mit Familientraditionen über mehrere Generationen vorgestellt wurden: Binnenschiffer, deren Großeltern schon binnenschifften, oder junge Bockwurst-Verehrer, deren Ur-ur-großeltern schon eine Fleischerei betrieben … Diese Sendungen schweiften weit aus in die Vergangenheit; denn Erinnernswertes aus der DDR-Geschichte war damals (heute auch noch?) ziemlich tabu, und auf die Zeit unmittelbar davor konnten und wollten wir uns erst recht nicht beziehen. Da blieb nur die Bezugnahme auf die ganz alten Zeiten …
Am 31. 12. 1991 war ich unter denen, die im DDR-Fernsehen das Licht ausknipsen mussten. Nachfolgesender wie orb oder mdr wollten von ehemaligen Chefs wie mir nichts wissen. Lediglich „Unser Sandmännchen“ überlebte mit Mühe die Wende. Warum das so war, wissen die vielen Zuschauerfans, die den Helden der ostdeutschen Kinderzimmer einfach nicht hergeben wollten …
Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit erfuhr ich von der Absicht, in München-Unterföhring einen neuen Sender zu starten: DSF. Das kam mir vertraut vor, denn ich hatte meinen DSF-Beitrag bis zur Wende regelmäßig entrichtet. Also bewarb ich mich und hatte das Glück, von der ersten Sendeminute an als Sendeleiter eingestellt zu werden. Bis zu meinem Rentenbeginn im April 2008 ist es dabei geblieben.
Natürlich hat ein Sportsender nicht so zwingend mit Kindern zu tun, das fehlt mir ein bisschen. Ich fing an, über mein Leben nachzudenken und landete folgerichtig bei dessen Ausgangspunkt – in Görlitz. Meine Kindheits- und Jugendträume setzten mir so lange zu, bis ich ein paar davon in „Ein Schatz für Anke“ aufgeschrieben habe. Wohlgemerkt: ein paar, es sind noch welche (für weitere Bücher?) übrig geblieben. Was mir aber bisher träumte, liegt nun gedruckt und gebunden vor und kann auch beim Schmöker-Verlag bestellt werden.
Dass im gleichen Verlag indessen noch das Büchlein "High-matt-Land" erschienen ist, freut mich besonders. Denn politischer Spott und Ironie ergeben sich im geeinten(?) Deutschland des neuen Jahrtausends ja fast von selbst. Jedenfalls sehen das Barbara Siwik (Mit-Autorin) und ich so - und jeder kann überprüfen, ob wir Recht haben. Kostproben biete ich auf dieser Homepage unter "Gereimtes" an.
Berlin, Juni 2008 Wolfgang Reuter